Freitag, 15. Juli 2016

Rezension: Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs


Erschienen: 1961
374 Seiten

"Es ist, als wären sich alle stillschweigend darüber einig, in einem Zustand totalen Selbstbetrugs zu leben. Zum Teufel mit der Realität! Bauen wir doch weiter niedliche gewundene Sträßchen und niedliche Häuschen mit weißem, rosarotem und himmelblauem Putz, bleiben wir doch weiter gute Verbraucher und legen Wert aufs Miteinander und ziehen unsere Kinder in einem Bad von Sentimentalitäten hoch (...), auch wenn die gute alte Realität einmal aus der Rolle fällt und >buh< sagt; aber wir machen alle schön weiter und tun so, als wäre gar nichts passiert." 
(S.76)
 

Inhalt: Frank und April Wheeler sind seit Jahren verheiratet. Sie haben zwei Kinder, ein Haus und Frank arbeitet in einem Job, der ihn permanent unterfordert. Sie führen ein langweiliges und mittelmäßiges Leben, glauben aber beide dennoch, etwas besonderes zu sein und schauen auf die Nachbarn und Freunde herab. April wollte mal Schauspielerin werden, und als sie bei einer Laienvorführung kläglich versagt und bei dem Ehepaar daraufhin ein heftiger Streit ausbricht, beginnt April, über ihr gemeinsames Leben nachzudenken. Sie weiht Frank in ihren Plan ein: Auswanderung nach Frankreich und ein ganz neuer Start in das Leben, das sie schon längst hätten führen sollen.

Meine Erfahrung mit dem Buch: Auf dieses Buch habe ich mich schon eine ganze Weile gefreut. Mein Vater hatte es im Regal stehen und jetzt bin ich endlich dazu gekommen, es mir auszuleihen. Während meiner gesamten Rückfahrt von Norddeutschland nach Wien konnte ich es kaum aus der Hand legen. Es ist fesselnd geschrieben, manchmal musste ich schmunzeln, wenn sich die Charaktere mal wieder wie ihre eigene Karrikatur aufgeführt haben, oftmals taten die Stiche, die Yates seinen Protagonisten versetzt, aber schon fast weh. Besonders Frank wird im Laufe des Romans immer noch eine Spur unsympathischer, aber auch April verhält sich gleichzeitig so durchschnittlich und irrational, dass man garnicht weiß, auf wessen Seite man sich schlagen soll (und ob man sich überhaupt auf eine Seite schlagen will). Trotzdem kommt kein Widerwille gegen den Roman an sich auf, was viele andere Autoren meines Erachtens nicht schaffen. Auch, dass man von Anfang an das Ende erahnt, tut der Freude am Lesen keinen Abbruch, es verstärkt höchstens die Irritation, die Yates heraufbeschwört.
Fazit: Wenn man einen modernen amerikanischen Klassiker überhaupt noch empfehlen kann, ohne sich dabei lächerlich zu machen, würde ich das hiermit uneingeschränkt tun.