Dienstag, 24. Mai 2016

Rezension: Louis-Ferdinand Celine: Reise ans Ende der Nacht


Erschienen: 1932
671 Seiten

"Die Größte Anstrengung im Dasein rührt vielleicht insgesamt von dieser enormen Mühe her, die wir zwanzig, vierzig Jahre lang aufwenden, um vernünftig und nicht einfach nur schlicht und zutiefst wir selbst zu sein, also schmutzig, widerlich, absurd."

Inhalt: Der Roman erzählt die verschiedenen Stationen des Lebens Ferdinand Bardamus, ein junger Mann, der sich als Freiwilliger zum ersten Weltkrieg meldete und, kaum war er im Kriegsgeschehen angekommen, vor lauter Entsetzen jede Möglichkeit in Betracht zieht, von dort wieder wegzukommen. (Achtung, kleiner Spoiler:) Schließlich gelingt es ihm, er kehrt als Verwundeter nach Paris zurück, wird dort unter anderem in eine psychatrische Klinik eingewiesen und fährt anschließend mit einem Schiff nach Afrika, weil er so weit vom Krieg wegmöchte wie möglich. Doch auch in Afrika meint es das Schicksal nicht gerade gut mit ihm.

Meine Erfahrung mit dem Buch: Ich hab dieses Buch über die Klassiker-Challenge von Lyne sozusagen durch Zufall in die Hände bekommen und es ist mal wieder ein Paradebeispiel für meinen unbedarften Lesestil: Hätte ich mich vorher über dieses Buch informiert, über Inhalt, über den Autor, über irgendetwas, hätte ich es mit Sicherheit nicht einmal aus dem Regal geholt. Tja, es stand auf der Le-Monde-Liste der "hundert Bücher des Jahrhunderts", der Titel gefiel mir gut, ich hatte von nichts eine Ahnung und die Bücherei hatte es gerade da, also kam es mit. Normalerweise gefällt mir meine Art, Bücher auszuwählen, weil ich schon eine ganze Menge verpasst hätte, wenn ich mich vorher informiert hätte, und zwar sowohl Gutes als auch Schlechtes. Nur ganz selten überlege ich ernsthaft, was zu ändern. Dieses Buch war mit Sicherheit einer dieser Momente. Das oben genannte Zitat fasst meiner Meinung nach den Inhalt ziemlich treffend zusammen: Menschen sind schlecht, ALLE Menschen sind schlecht. Egal, welche Figur dem Leser in Celines Werk über den Weg läuft, ein paar Sätze später kann er sie nicht mehr ausstehen. Die Hauptfigur schafft es in beinahe jeder Situation, in die sie gerät, eine Entscheidung zu treffen, die die Abneigung noch verstärkt.
Das fängt meines Erachtens bereits im ersten Teil an: Der Erste Weltkrieg wird in so vielen verschiedenen Arten des Schreckens und ohne den kleinsten Pathos dargestellt, dass selbst dem verblendedsten Kriegsfanatiker da die Lust vergehen müsste, Celine zieht sogar noch über die Möchtegern-Helden her, die nachher die erstaunlichsten ruhmreichen Geschichten erzählen (wie die Hauptfigur), die zusätzlich auch noch alle erfunden sind. Dieser Abschnitt hat mir wirklich gut gefallen (auch wenn er ziemlich aufreibend zu lesen ist). Kaum ist er dem Krieg entkommen, baut Ferdinand aber eigentlich nur noch Scheiße (ja, ich weiß. Aber ich habe es mir verdient, diesen Ausdruck zu verwenden, ist sie doch ein stilistischer Hauptbestandteil dieses Romans. Und zwar ein gepfefferter. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein Buch gelesen zu haben, in dem so viel Fäkalsprache benutzt wurde. Aber einfallsreich war Celine damit, das muss man ihm lassen.)- er lässt jeden im Stich, der seinen Weg kreuzt, rennt weg, wo er helfen könnte, ruiniert sich jede Chance, die er erhält, sofort wieder und beschwert sich dann, dass das Leben es so schlecht mit ihm meint. Für mich ging da ein wenig die Gesellschaftskritik Celines, die durchaus auch in dem Buch zu finden war, nämlich dass die Armen schon aus Prinzip chancenlos sind, ein wenig unter. Die Phasen der Selbstanalyse waren immer mal wieder recht unterhaltsam zu lesen, aber irgendwann wurde mir das auch etwas zu viel.
Ich könnte jetzt noch länger so weitermachen, aber ich kürze einfach mal ab: Dieses Buch ist definitiv nichts für schwache Nerven. Und nichts für die Optimisten unter uns. Ich empfand es immer mal wieder als lesenwert, und mir haben auch viele der sarkastischen Passagen gefallen, aber alles in allem hätte ich es wohl lieber nicht gelesen, oder wenn, dann nur den ersten Abschnitt.
Und zu dieser Erkenntnis komme ich nicht zuletzt, nachdem ich im Schlusswort gelesen habe, dass Celine im Laufe seines weiteren Lebens Nazibefürworter war und antisemitische und rassistische Pamphlete geschrieben hat. Solche Autoren lese ich normalerweise schon aus Prinzip nicht- wenn ichs halt vorher mitbekomme. Aus diesem Roman ist diese Haltung meiner Meinung nach nicht erkennbar- allerdings gebe ich ehrlich zu, dass mir der eine oder andere Satz in diese Richtung unter den zahllosen Beschimpfungen und Beleidigungen in jede andere Richtung wohl auch nicht allzu verdächtig erschienen wäre (dazu fällt mir der bekannte Spruch ein: "ich bin kein Rassist. Ich hasse alle.").
Ich frage mich allerdings, wie jemand, der Freud als sein größtes Vorbild nennt (und diesen auch überdeutlich in seinen Roman einfließen lässt) und den Krieg so sehr hasst, plötzlich ausgerechnet die Politik der Nazis befürwortet. Ich bin mir sicher, dafür gibt es keine Erklärung, die sich mit dem Verstand erklären lässt (außer vielleicht, dass dem Kerl ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen ist), und ich werde mich auch nicht weiter mit dem Autor beschäftigen, um meine Vermutung zu untermauern.