Dienstag, 4. November 2014

Giora Feidman und Ben Becker: Hommage an Paul Celan.

Wieder so eine Veranstaltung, über die ich durch Zufall gestolpert bin: Am 30.10. war Ben Becker in Wien, und ich seh es zufällig noch vorher auf einem Plakat. Und wie der Zufall es weiter so wollte, hatten meine Eltern gerade gefragt, was ich mir noch zum Gebutstag (im Dezember) wünsche. Und da dacht ich mir, das wäre doch was. Meine Eltern schenken mir gern Ausflüge, vor allem, wenn diese mich nach einer Ewigkeit mal wieder ins Theater führen (was hatte ich noch gleich studiert? Theaterwissenschaft? Theater?? Wasn das?). Also schnell Karte besorgt und los ging es.
Okay, ganz so schnell dann natürlich auch nicht. Da ich die nächsten Tage, inklusive Halloween, bei meinem Freund verbringen wollte, musste ich mir überlegen, wie ich den Ausflug gestalte, ohne meine Sitznachbarn mit dreihundert Taschen zu beglücken (oder diese an der Garderobe zu verlieren. Ich hab selbst mal an einer Garderobe gearbeitet, seitdem trau ich den Leuten da nicht mehr :D). Die Lösung war relativ einfach: Ich hab mein Halloween-Kostüm schon zum Konzert angezogen :D. Nun merkt man bei mir von der Kleidung her eher keinen allzu großen Unterschied zwischen Halloween und den restlichen Tagen des Jahres (inklusive Weihnachten). Die Leute haben trotzdem ziemlich seltsam geschaut. Schließlich fand das Konzert im Wiener Konzerthaus statt- beste Adresse, wenn man zum Erbrechen (entschuldigung) aufgebrezelte Leute sehen möchte. Solche umgaben mich dann auch in rauhen Mengen (und glotzten irgendwie komisch. Dabei hatte ich den Hexenhut extra zu Hause gelassen!).

Mir wurde mal wieder schmerzlich bewusst, dass die Damen und Herren die Wurzeln des Herren Becker seit den Salzburger Festspielen erfolgreich verdrängt haben. Das mögen jetzt viele anders sehen, aber für mich ist und bleibt Ben Becker eine Mischung aus Punk, Revoluzzer, Zirkusclown und einer der genialsten Schauspieler, die ich je gesehen habe.
Ich hatte dann natürlich auch die große Freude, zwischen zwei Pärchen zu sitzen, die mich vor der Vorstellung unendlich erscheinende 15 Minuten lang mit ihrem Möchtegern-Kunstkenner-Geschwafel quälten. Bah. 
Ich war ziemlich gespannt, bisher war noch jeder Abend, an dem ich Ben Becker gesehen habe, etwas besonderes gewesen. Und ich habe schon einige Abende zusammengesammelt inzwischen.
Mit seiner unvergleichlichen Stimme trug Becker Gedichte des jüdischen Dichters Paul Celan vor, der Klarinettist Giora Feidman spielte- und wie! Ich hätte nicht gedacht, dass eine Klarinette so... klar klingen kann. So interessant. So wunderbar anzuhören.Auf der Bühne wurden Fots des Autors und anderer relevanter Personen gezeigt.
Die Gedichte Celans bedrücken und machen nachdenklich, was nicht verwunderlich ist, wenn man ein wenig über den Dichter weiß. Er ist 1920 geboren, seine Eltern starben im KZ, er selbst verbrachte Jahre in Arbeitslagern und nach Ende des zweiten Weltkrieges immer wieder Zeit in Psychatrien, bis er sich 1970 (wahrscheinlich) umbrachte. Dementsprechend war es nicht gerade ein lustiger Abend, zumindest der "normale" Teil des Konzertes nicht.


Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
(...)
(Todesfuge) 



Aber Ben Becker hat im Gegensatz zum Publikum des Abends seine Wurzeln ganz offensichtlich nicht vergessen und kann auch nicht aus seiner Haut. Denn nach dem offiziellen Teil des Konzertes, nachdem sich alle schon verbeugt hatten, bat er noch irgendeinen Herrn (ich hielt den Namen nicht für merkenswert) auf die Bühne und ließ sich mit dem Wiener "Anti-Theaterpreis" auszeichnen. (ich hab das ernsthaft gegoogelt, es soll eine satirische Auszeichnung für besonders schlechte Leistungen sein.)
Was dann folgte, war an Skurrilität wenig zu überbieten und trieb das empörte Publikum scharenweise aus dem Raum. Becker wurde für den unpolitischten Auftritt ausgezeichnet (wenn ich das richtig verstanden habe), und zwar für seine Rede beim Böhse-Onkelz-Konzert am Hockenheimring (was ja auch so viel mit Theater zu tun hat, nicht wahr...). Als Zuschauerin war ich hin und her getrieben zwischen leichtem Unmut über die Preisverleiher und die extra dafür beschriebene Rede (ich hab zwar die von Ben Becker nicht gehört, aber viel sinnloser kann sie nicht gewesen sein) und Lachflashs darüber, wie witzig Becker das Ganze fand- schließlich hatte er die Herrschaften extra eingeladen, um sich den Preis verleihen zu lassen, den sonst keiner wollte. Der Preis bestand übrigens aus einem silbernen Dornenkranz (ich überlege die ganze Zeit, ob mir ein Symbol einfällt, das für so einen Anlass unpassender wäre, aber mir will beim besten Willen keines einfallen) und Ben Becker beendete den Abend- nach einer kurzen Danksagung, die neben viel Spott auch ein paar ernste Sätze zu dem Vorwurf, der ihm in Form von diesem Preis gemacht wurde, enthielt- und die mir besonders gefielen, weil sie einfach und ehrlich waren, nicht so ein Möchtegern-Geschwafel wie in der Rede davor- mit dem Satz "der Preis passt zu mir, ich hab mich eh immer schon für Jesus gehalten."