Sonntag, 2. März 2014

Dunkler Abend, heller Morgen.

Gestern Abend hab ich mal wieder festgestellt, was ich nicht mehr kann: Warten. Besser gesagt, das Warten aushalten. Das schwarze Loch war sowieso schon seit Tagen wieder da, drohend im Hintergrund. Und mit steigender Müdigkeit sinkt meine Fähigkeit zur Abwehr. Mitternacht kommt er wahrscheinlich nach Haus, hat er gesagt- es wird Eins, es wird Zwei, nichts. Fertig mit den Nerven, also angerufen. Alles gut, hat nur die Zeit total vergessen. Was er nicht versteht: In zwei Stunden sind sehr viele Horrorszenarien vorstellbar, wenn man darin so gut ist wie ich- das schwarze Loch tut sich auf unter den Füßen, da hilft auch keine Vernunft mehr, kein gutes Zureden, kein Versuch zu schlafen, keine Chance. Nach dem Anruf übermächtiger Wunsch nach Schlaf, aber er hat ja gesagt, er würd jetzt eh gleich aufbrechen, also noch ein paar Minuten warten, damit ich auch ja das Türklingeln nicht überhöre- das schwarze Loch verschwindet aber nicht, nun, wo ich weiß, dass alles gut ist, nein, es verschiebt sich nur, es gibt schließlich genug Dinge, über die man sich Sorgen machen kann, da helfen auch keine halbherzigen Abwehrversuche, für die bin ich eh schon viel zu müde. Viertel nach Drei, immernoch nichts, inzwischen in Tränen aufgelöst, lang nicht so einen schlimmen Schub gehabt, lang nicht so hilflos und ausgeliefert gewesen, nochmal anrufen. Er hatte das Handy eh schon in der Hand, hat halt alles länger gedauert. Heute Morgen gähnende emotionale Leere, Taubheit, Lustlosigkeit.
Frühstück zu Zweit im Bett, ich krieg kaum was mit, normalerweise würde ich jede Sekunde genießen.
Danach fertigmachen, nächster Versuch, er geht, ich will bleiben, raffe mich irgendwie auf, nutze ihn als Ankerseil, das mich mitreißt, weil ich genau weiß, wenn ich jetzt nachgebe und mich wieder ins Bett lege, schlafe ich den ganzen Tag und heut Abend wird es noch schlimmer. Also Sachen packen, Kamera einstecken und los. Nur ein kleiner Spaziergang an die alte Donau, er fährt zum Freunde treffen, wann er wiederkommt, weiß ich nicht, bin gespannt, ob er heut die letzte Bahn erwischt.
Schaffe es tatsächlich, auf dem Rückweg vom Minieinkauf an der Donau auszusteigen, laufe los, gleichzeitig getrieben und so erschöpft, dass jeder Schritt sich zu viel anfühlt, zu viele Menschen, ich wollte doch meine Ruhe, verdammt. Gehe bewusst einen Weg, den ich noch nicht kenne, möchte was Neues entdecken, so viel Neues, aber heut muss erstmal dieser kleine Weg reichen. Stelle fest, dass es an der alten Donau überall öffentliche Stege gibt, das erinnert mich an "meinen" Steg im Norden, zu dem ich immer gegangen bin, wenn es mir sehr schlecht ging, also gehe ich auf einen Steg, setze mich, trinke meinen Eiskaffee und höre dem Wasser und den Wellen zu, fühle die noch schwache Sonne, und langsam, ganz langsam, wirds besser, fühlt sich die Situation an wie Balsam auf meine Seele, ich übertrage die Ruhe auf mein Inneres und sammle neue Energie. Als es langsam kalt wird, erinnere ich mich an die Kamera, die ich ja extra eingesteckt habe, und mache noch schnell ein paar Bilder, dann geh ich zurück zur U-Bahn, immernoch erschöpft, aber nicht mehr so, dass sich jeder Schritt wie eine Folter anfühlt, und fahre nach Hause.
Jetzt gleich wirklich eine Stunde schlafen.
Vielleicht schaffe ich danach ja doch noch was.